Sechs Stationen, sechs Positionen
Meine Lebensreise
"Als unser Herr Gott die Welt erschaffen, und Adam sein Evchen zum ersten Male geküssst hatte, glaubt' ich freulich nicht, daß ich je würde geboren werden; noch weniger dacht' ich daran, meine Lebensreise zu beschreiben. Denn wiewohl, nach mancher Theologen und Philosophen Meinung, meine Seele, wie alle die anderen, gleich im Anfang der Dinge mit erschaffen worden, so wusste sie doch natrlich damal noch nichts davon, daß sie auf dem Welt-Maulwurfs-Hügel, den die Menschen ihre Erde nennen, mit einem menschliechen Leibe würdet bekleidet werden. Eben so wenig wusste sie, daß dies im Jahre der Welt 5754 oder im Jahre Christi 1770 zu Radis bei Wittenberg geschehen würde." (Meine Lebensreise, S. 5)
Mit diesen Worten beginnt Wilhelm Traugott Krug (1770-1842) seine Autobiographie, die er bereits 17 Jahre vor seinem Tod das erste Mal herausgibt und in den folgenden Jahren überarbeitet und neu ediert. Das Bedürfnis, die Erinnerung an die eigene Person zu bewahren, mag der Bedeutung entsprechen, die Krug sich im laufe seines Lebens erarbeitet hat. Doch heute ist er, mit wenigen Ausnahmen, nur noch Kennern der Philosophiegeschichte bekannt.
Obwohl er zu seinen Lebzeiten einer der einflussreichsten Gelehrten seiner Epoche war, ist er in der heutigen Wahrnehmung kaum mehr präsent. Dabei zeugen über 200 Veröffentlichungen davon, wie intensiv er sich an den Debatten um 1800 beteiligte und zu theologischen, philosophischen und politischen Fragen Stellung bezog.
Krug wurde in Radis bei Gräfenhainichen geboren und studierte an der Universität Wittenberg, an der er auch seine ersten Lehrerfahrungen sammelte, ehe er unter anderem als Nachfolger Immanuel Kants auf den Lehrstuhl nach Königsberg berufen wurde.
Aus Anlass des 255. Geburtstages von Wilhelm Traugott Krug wurde vom 28.-29. März 2025 eine Tagung an der Stiftung Leucorea mit dem Titel "Pluralismus, Emanzipation, Freiheit - Wilhelm Traugott Krug als Denker der Moderne" veranstaltet. In diesem Zusammenhang stellte die RFB den vielseitigen und modernen Denker in der Ausstellung vor, die sich an seiner Biographie orientiert. Die Ausstellung widmet sich dem Leben und Denken des Philosophen und entstand in Kooperation mit dem Heimatverein Radis, der am Geburtsort eine kleine Dauerausstellung zu Krug zeigt.
Krugs Schriften sind inzwischen im Rahmen des Projekts "Kobra - Kontinuitäten - Brüche - Ausblicke" als Schenkung im Bestand der RFB und stehen dort Interessierten zur Nutzung zur Verfügung.